Berührung - gedankenlos und blind

Ich möchte von einem intimen und für mich transformierenden Erlebnis erzählen.
Zumindest in Teilen. Denn ich möchte die Spontaneität des Erlebnisses schützen und werde daher nicht jedes Detail offenlegen. Gerade so viel, dass ich dich zum Mitgehen bewege … und vielleicht auch neugierig machen kann.
Meine Partnerin Jumana und ich waren auf einem Seminar in einem Kontext, der sich dem Frieden zwischen den Geschlechtern und in der Sexualität als Spiegel und Lernfeld für umfassenden Frieden in uns Menschen widmet. Eine sehr bewegende Erfahrung über 10 Tage.
An einem Tag dieses Seminars wurden wir in einem rituellen und sehr gut gehaltenen Raum dazu eingeladen, uns in einer Gruppe von rund 30 Menschen in Stille und mit geschlossenen Augen achtsam und nackt zu begegnen. 10 erfahrene Begleiter sicherten den Rahmen, um jegliche Möglichkeit für Übergriffigkeit auszuschließen. Wir wurden durch eine Meditation geführt, die uns in eine sehr wertfreie Haltung - wie einen Neuanfang als Menschen - versetzte. Mit den uns verbliebenen Sinnen durften wir schrittweise mit uns selbst und den anderen Menschen in Kontakt treten. Ich war tief erstaunt, wie wunderbar und gleichwertig es einem Mann wie mir erschien, ob ich scheinbar ein Männerbein oder ein Frauenbein berührte. Die Fragen verschwanden. Die Gedanken verschwanden. Keine Bewertung. Nur sein.
Als ich das erste Mal danach suchte, diesen Moment spürbar zu beschreiben, kam mir spontan das Bild, in dem Moses das Meer zu verdrängen vermochte, so wie die Konditionierungen und all die gedanklichen Konstrukte mit geschlossenen Augen von mir ferngehalten waren. Für einen Moment war da nur innerer Frieden und ein freier Weg.
Es kam in der Evolution dieses Erlebnisses zu dem Moment, als wir unsere Augen langsam wieder öffnen sollten. Ich sah, dass Jumana zu mir blickte und ich sah, dass sie in Freude war. Und ich erkannte gleichzeitig, dass ich in diesem Moment mit einer jungen Frau im körperlichen Kontakt war, die auch gut eine meiner Töchter hätte sein können.
In diesem Moment, da meine Augen wieder sahen, verlor ich meinen Frieden. Es stürzten meine wertenden Gedanken so stark auf mich ein, wie wenn dieses geteilte Wasser über mir zusammenbräche und mich in die Waschmaschine meines eigenen Urteils versetzt.
Mein Körper war Sekunden zuvor noch frei. Doch der Kopf übernahm wieder die Kontrolle. Nie zuvor hatte ich den drastischen Wechsel zwischen bedingungsloser Verbundenheit und trennendem Denken so hautnah erlebt. Nie zuvor wurde mir so deutlich, wie das Sehen als primäres Sinnesorgan unsere Gedanken treibt. Und nie zuvor wurde mir so sehr bewusst, welchen Frieden und welche Schönheit uns der Vergleich und die Angst verwehren.
Diese Erfahrung hat mir etwas sehr Grundlegendes gezeigt:
• Unser Ego sucht Sicherheit und Bestätigung
• Unser Körper sucht Verbundenheit
Hautnahe Berührung ist kein Luxus sondern Lebensnotwendig. Sie reguliert unser Nervensystem, sie stärkt unser Immunsystem und sie verankert uns im Gefühl von Zugehörigkeit.
Und doch haben wir sie in unserer Kultur verkompliziert. Wir haben sie sexualisiert, moralisiert, reglementiert oder in heimliche Räume verschoben.
Was die Öffentlichkeit erreicht, zeigt darüber hinaus die krasse Verzerrung in der Gesellschaft und droht uns immer tiefer in Angst, Vorsicht und Trennung zu senden. Für mich bedeutet es, um so mehr für das Gute ebenso öffentlich zu kämpfen, das uns Menschen ausmacht und nährt und das von wenigen diskreditiert wird. Denn unsere Körper sehnen sich nach heilsamer Berührung.
Was geschieht, wenn Berührung von persönlicher Agenda befreit wird? Wenn sie nicht benutzt wird, um etwas zu beweisen, zu dominieren, zu kompensieren oder zu reparieren? Dann bekommt sie eine andere Qualität!
Sie wirkt über das Individuelle hinaus. Sie verändert Haltung. Sie wirkt wie eine Akupunktur-Nadel in einem angespannten Feld.
Ich glaube jetzt mehr denn je, dass ein freier und verantwortlicher Umgang mit Berührung, Eros und Sexualität eine gesellschaftliche Dimension hat.
Weil jede Kultur dort beginnt, wo Menschen einander berühren — oder eben nicht.
Infobox: Aus solcher Erfahrung ist auch unser neues Format „Liebe machen, Liebe sein für Einzelpersonen“ entstanden. Der erste Termin startet am 09. April 2026. 4 Tage, in denen wir üben, vom Kopf in den Körper und ins Herz zu wechseln. Bewertungen wahrzunehmen und zu beenden. Präsenz im Spüren zu finden. Und Berührung wieder selbstverständlich werden zu lassen. Für weitere Informationen:
https://www.steigerhaus.jetzt/liebemachenliebesein-fuer-singels-im-Steigerhaus











